Zeitzeugengespräche

Am Mittwoch, 13. November 2013 fanden an unserer Schule Zeitzeugengespräche mit Überlebenden des Holocaust statt. Jacek Ziellniewicz und Ignacy Arthur Krasnokucki berichteten unseren Oberstufenschülerinnen und -schülern von ihrem Leben und der Zeit im Konzentrationslager. Danke an das Maximilian-Kolbe-Werk e.V. für die Vermittlung dieser eindrücklichen Begegnungen.

„Es gibt keine guten oder schlechten Nationen, es gibt nur gute oder schlechte Menschen.“

Jacek Ziellniewicz ist ein alter Mann. Jahrgang 26. Als er von der SS verhaftet und in das Konzentrationslager Auschwitz Birkenau deportiert wurde, war er so alt wie wir jetzt, 17 Jahre.

Trotz allem, was ihm widerfahren ist, wirkt er jetzt, wie er vor uns steht, keinesfalls verbittert. Ganz im Gegenteil. Das erste, was er uns sagt, ist: „Es gibt keine guten oder schlechten Nationen, es gibt nur gute oder schlechte Menschen.“ Diese Botschaft wiederholt er gleich noch einmal, es ist ihm sehr wichtig, dass wir das verstehen. Für einen Polen, dem die Deutschen sechs Jahre seines Leben zur Hölle gemacht haben, sind das wahrlich große Worte.
Im August 1943 wurde er nach Auschwitz Birkenau deportiert.

Der KZ- Aufseher hielt für alle Neuankömmlinge eine Rede, in der er deutlich machte: „Für euch gibt es nur einen Weg in die Freiheit. Durch den Krematoriumskamin.“
Sie mussten alles abgeben, was sie hatten und ihnen wurden die Haare geschoren. Zurück bekamen sie dreckige und verlauste Unterwäsche und eine weiße Häftlingskleidung. Ihnen wurde eine Häftlingsnummer auf die Hand tätowiert und sie liefen von nun an barfuß herum, auch im Winter.

StacheldrahtVon vier Uhr morgens bis acht oder neun am Abend wurde gearbeitet. Jeder Häftling bekam einen halben Liter sogenannten Kaffee oder Tee zum Frühstück. Sie mussten sich beeilen mit dem Trinken, denn es gab nicht genügend Schalen für jeden. Mittags gab es Suppe. „Nicht das, was Mutter zuhause macht“, versichert Ziellniewicz, „es war eine stinkende Brühe“.Wer sie zu Beginn nicht herunter bekam, der aß sie spätestens am nächsten Tag, denn der Hunger war unvorstellbar. Abends gab es ein Viertel Brot.

Die Baracken, in denen sie schliefen, waren ehemalige Pferdeställe. 60 Pferde pro Baracke. Auf jede Pferdebox kam ein dreistöckiges Bett und zehn Häftlinge.

Es kamen täglich neue Züge an. Die Neuen mussten sich in einer langen Reihe aufstellen und der KZ- Arzt entschied mit dem Daumen nach oben oder unten, ob der gemusterte Mensch kräftig genug war für das Arbeitslager, oder ob er gleich getötet wurde. Die meisten Menschen wurden direkt in die Gaskammern geschickt. Die waren wie Duschen, nur ohne Wasser. Diese Kammern fassten 10 000 Menschen auf einmal und all diese Menschen waren nach 15 Minuten tot.

Doch für die KZ- Insassen war der Anblick der Menschen, die Richtung „Duschen“ gebracht wurden, leider normal. Die Kinder zu den Gaskammern laufen zu sehen, war das schlimmste, meint Jacek Ziellniewicz. „Alle Kinder sind unsere Kinder. Kinder soll man lieben, nicht töten“.

Man erzählte auch niemandem etwas von sich, man wollte auch nichts von den anderen hören. Im Krieg ist es besser, nichts zu wissen, denn so ist man am sichersten. Es ging ums blanke Überleben, Tag für Tag. „Wir waren keine Menschen, wir waren Häftlinge. Alle.“

Jeder Häftling durfte zwei Briefe im Monat schreiben und zwei bekommen. Die Briefe mussten auf Deutsch geschrieben werden und es durfte kein Wort über die Umstände im Lager fallen. „Ich bin gesund und fühle mich wohl.“ Dieser Satz musste in jedem Brief vorhanden sein.

Einige Häftlinge, so wie Jacek Ziellniewicz, hatten das Glück, Pakete von ihren Familien zu bekommen. In ihnen durfte Essen mitgeschickt werden, sowie Tabak oder Zigaretten. Wer nicht selber rauchte, hatte so die Möglichkeit, den Barackenaufsehern etwas zuzustecken, um nicht so hart behandelt zu werden.

Im August 44 wurde er in ein anderes Lager nach Süddeutschland gebracht. Ihre Unterkunft bestand aus einer Wiese mit ein paar Zelten darauf und es gab keine Möglichkeiten, sich zu waschen. Dort mussten sie das Konzentrationslager selber bauen und die Lebensumstände waren noch katastrophaler als in Auschwitz. Jacek Ziellniewicz kannte zum Glück den Arzt, einen ehemaligen Nachbarn aus Polen, und er half ihm, indem er ihm ab und zu etwas zusteckte. Dieser Arzt wurde bald versetzt und Ziellniewicz wäre vermutlich auch bald an Unterernährung und der harten Arbeit gestorben, doch zum Glück war auch der neue KZ- Arzt ihm wohl gesonnen. Er bot ihm an, ihn zu verstecken und machte ihm deutlich, dass das der einzige Weg für ihn war, zu überleben. Er nahm dankend an und der Arzt brachte ihn in der Krankenstation unter. Es gab auch neue Kleider für ihn und das erste mal seit Monaten sah er seinen Körper nackt. „Da waren nur noch Haut, Knochen und Läuse“, berichtet uns der 87 jährige. Er bekam ein Bett und eine Decke und hatte so die Möglichkeit, wieder zu Kräften zu kommen.Als um vier Uhr morgens das Signal zum Aufstehen tönte, durfte er liegen bleiben.

Als ein SS- Mann ihn nach ein paar Wochen fand, hatte er wieder Glück. Er hätte ihn einfach exekutieren können, tat es aber nicht, sondern beförderte ihn nur mit einem Tritt in den Hintern nach draußen. Jacek Ziellniewicz hatte noch einen Freund. Er weiß selber gar nicht, wer das war, aber irgendjemand legte ein gutes Wort für ihn ein und er durfte das Mädchen für alles in der SS- Baracke sein. Das Essen servieren, sie bedienen, und so weiter. Was die Männer nicht aßen, das nahm er und so kam er wieder ganz gut über die Runden. Es gehörte schon eine Menge Geschick und Glück dazu, in dieser konstruierten Vernichtungsmaschinerie zu überleben.

Jacek Ziellniewicz schmerzen die Erinnerungen an jene Zeit. Was er erleben und durchmachen musste, wieder und wieder zu durchleben, in dem er es erzählt, ist nicht leicht. Doch er tut es, um den jungen Menschen davon zu berichten und damit so etwas nicht noch einmal passieren kann.
Er blickt in die Runde und stellt fest, dass wir genau so aussehen, wie die polnischen Jugendlichen, bei denen er ebenfalls Vorträge hält. Nur, dass wir eine andere Sprache sprechen, aber sonst gibt es keine Unterschiede.

„Die Zukunft gehört euch“, sagt er. „ Ihr seid nicht verantwortlich für die Vergangenheit, aber ihr seid verantwortlich für die Zukunft.“ Und eines wünscht sich Jacek Ziellniewicz für die Zukunft: Keinen Hass mehr.
Svenja Lampe