„Wer war Hermann Staudinger?“ – Themenabend zum umstritten Namensgeber unserer Schule

Herrmann Staudinger, der Namensgeber unserer Schule, ist im Rahmen der Überprüfung der Freiburger Straßennamen in den Fokus des Interesses gerückt. Kann und will sich unsere Schule mit dem berühmten Chemiker und Nobelpreisträger, dessen Rolle im Dritten Reich undurchsichtig ist, weiterhin identifizieren?

Die Schule hat sich auf den Weg gemacht, in einem länger andauernden Prozess unter Mitwirkung aller am Schulleben Beteiligten, diese Frage zu prüfen. Als Auftakt fand hierzu am Dienstag, 4. April ein Themenabend zu Hermann Staudinger statt, der vom vierstündigen Geschichtskurs von André Schulz inhaltlich vorbereitet wurde und zu dem die Schule gemeinsam mit Elternbeirat und Förderverein geladen hatte. Als Gäste saßen Prof. Dr. Bernd Martin (Historiker und Vorsitzender der Straßennamenkommission), Prof. Dr. Carl Priesner (Wissenschaftshistoriker, Erschließung des Hermann Staudinger Nachlasses an der Universität München), Dr. Renate Kiefer (Altstadträtin und ehemalige Elternbeiratsvorsitzende der Staudinger-Gesamtschule) sowie die beiden Schüler Maximilian Frei und Pascal Jäger als symbolische Vertreter der Zeitzeugen auf dem Podium.

Prof. Priesner, der sich intensiv mit Staudinger beschäftigt hat (das Staudinger-Archiv in München umfasst alleine 27 000 Briefe), macht von vorneherein klar, dass er den berühmten Makromolekularforscher „nicht für einen Antisemiten“ hält. Für ihn sind Staudingers antisemitischen Äußerungen sowohl im historischen Kontext zu sehen, als auch in einem persönlichen Disput mit den jüdischen Wissenschaftlern Hermann F. Mark und Kurt Heinrich begründet, deren wissenschaftlichen Erfolge Staudinger als unerträgliche Konkurrenz empfunden habe. Priesner verweist zudem auf Staudingers pazifistischen Äußerungen und Publikationen im 1. Weltkrieg. Durch seinen früheren Appell, auf chemische Waffen als menschenverachtende Kriegstechnik zu verzichten, habe bei vielen Nationalsozialisten Zweifel an Staudingers politischen Gesinnung bestanden und Staudinger wurde von Martin Heidegger, Rektor der Freiburger Universität, sogar denunziert.

Prof. Martin gesteht ein, dass eine endgültige Beurteilung Staudingers schwierig sei. „Man kann Staudinger nicht einfach einen Antisemiten nennen, es ist viel komplexer“, so Martin. Zwar gebe es klare Beweise, dass Staudinger Halbjuden namentlich diffamiert hat und sich mehrfach beim Ministerium beschwerte, dass er an seinem Institut „Halbjuden unterrichten“ müsse. Andererseits gebe es eben aber auch Berichte von Zeitzeugen, die versicherten, Hermann Staudinger habe sie als Halbjuden persönlich vor dem NS-Regime geschützt. Pascal Jäger, Schüler des Geschichtskurses, zitiert hierzu Marianne Meier, die Staudinger nachdrücklich in Schutz nimmt und sagt, er habe „die ausschlaggebende Rolle gespielt“, dass sie als Halbjüdin weiterstudieren durfte.

Wie also ist Hermann Staudingers Rolle im Dritten Reich zu beurteilen? „Wir befinden uns als Historiker in einer Aporie, einer Ausweglosigkeit“, so Prof. Martin. „Es sind nur Erklärungsversuche möglich, genau werden wir die Rolle Staudingers nicht ergründen können.“

Hat Staudinger Halbjuden denunziert, um sich gegenüber dem NS-Regime zu positionieren? Oder ging es ihm darum, mit antisemitischen Äußerungen seine Forschung und sein Institut zu schützen? Warum aber hielt er zugleich seine „schützende Hand“, so eine Zeitzeugin in einem Dankesbrief an Staudingers zweite Ehefrau Magda, über ihm persönlich bekannte Halbjuden? Die Antworten auf die Fragen nach Staudingers moralischen Beweggründen bleiben offen.

Einig sind sich die Experten Prof. Priesner und Prof. Martin jedoch in der wissenschaftlichen Beurteilung Hermann Staudingers. Beide sehen in ihm einen der größten deutschen Naturwissenschaftler, dem seine Forschung über alles stand. „Er war ein Opportunist“, stellt Martin klar. Und Priesner sieht in Staudinger einen Repräsentanten der „bürgerlichen Eliten, durch die das System stabilisiert wurde“.

Die Straßennamenkommission hat der Stadt Freiburg deshalb in ihrem Gutachten empfohlen, die Staudingerstraße mit einem Hinweisschild zu versehen, das Staudingers ambivalente Rolle im Dritten Reich verdeutlicht. Es bleibt jedoch die Frage, ob eine Schule weiterhin nach Hermann Staudinger benannt bleiben kann. Die Historiker Priesner und Martin meinen: „Ja. Als Wissenschaftler kann Staudinger aufgrund seiner Leistungen durchaus geehrt werden.“ Es bleibt abzuwarten, ob die Schulgemeinschaft sich dieser Einschätzung anschließen wird.

Auch die Badische Zeitung berichtete über den Themenabend.

Text und Bild: Catherine Pasdar