Von Deicheln, Dillen, Runzen und Wuhren

Rainer Schönfeld unternahm mit uns am Mittwoch, dem 15. Mai 2013, eine Wasserwanderung. Wir folgten ihm auf Freiburger Wasserwegen

Der Treffpunkt zum Spaziergang war mit der Straßenbahnhaltestelle ökologisch korrekt und den Ortsangaben Musikhochschule/Alter Messplatz / Universitätsbibliothek geographisch variabel ausgewählt: Eine kurze Abstimmung der anreisenden Interessenten ergab gesamtschulspezifische Auseinandersetzungen; Kleingruppenarbeit – ergebnisoffen oder ergebnisorientiert blieb ungeklärt – führte zu Teilergebnissen; kurze Plenumsdiskussion, fächerspezifische Beobachtungen der näheren Umgebung einzelner Teilnehmer und … der Referent wurde hinter der UB zweifelsfrei gesichtet.

Die Führung konnte beginnen: Geschickter Hinweis in der Sammel- und Eröffnungsphase auf den aktuellen Regen mit spannungsreicher Klammer auf das Ende der Führung: „Am Ende verspreche ich euch Sonnenschein!“ Das schuf Vertrauen und Zuversicht.

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Wo alles begann

An der Quelle im Möslepark

Erste Station war eine eher unscheinbare Quelle im Möslepark, die sicher von uns keiner auf Anhieb gefunden hätte. Wir standen andächtig an der zentralen Quellwasserversorgung des mittelalterlichen Freiburg, die bei oder kurz nach der Stadtgründung eingerichtet wurde. Die Quellen im `Mösle´ liegen unterhalb des Bromberges (ursprünglich `Bronnberg´).

„Raubrunnen“ auf dem Kartoffelmarkt; Ansichtskarte von 1911

Das Quellwasser wurde mit hölzernen `Deicheln´ – ausgebohrten Fichtenstämmen – gefasst und zu Laufbrunnen in der Stadt geleitet; das Bürgermädchen auf dem Raubrunnen zeigt uns, wie das Wasser in den Haushalt gelangte.

Die systematische Wasserversorgung bestand bis zum Bau des Grundwasser-werks Ebnet und mit dem ersten Wasserbehälter am Schloßberg; erst ab 1875 wurden alle Häuser mit Trink – und Brauchwasser zentral versorgt.

Hinter dem Gasthaus Schützen wurde die Wasserproblematik Freiburgs vertieft. Eigentlich erhält Freiburg genug Wasser aus dem Schwarzwald.

„Raubrunnen“ auf dem Kartoffelmarkt; Ansichtskarte von 1911 1

image004Hier ist ein Vierbeiner ganz Ohr! Und wo ist nun das Schwarzwald-Wasser? Vermutlich in Flaschen im Gasthaus!?
Durch die Aufschotterung der Dreisam versickert jedoch das Wasser und der Grundwasserspiegel sinkt ab – in der Altstadt bis zu 10 Meter. Hier gab es keine Trinkwasserbrunnen, sondern nur 3 Notbrunnen (`Sootbrunnen´). Die Dreisam grub sich in das eigene Schotterbett ein; so entstanden die Niederterrassenränder: heute noch sichtbar am abfallenden Augustinerplatz, der damals nur im höheren Teil trockenen Baugrund bot. Der höchste Punkt des Dreisamschwemmkegels ist das Gelände, auf dem das Schwabentor erbaut wurde: Alle Wasser flossen zum Schwabentor!

Nächste Station
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image006 Hier erfahren wir mehr über

  • Runzen
  • Runzgenossenschaften
  • Runzmeister
  • Runzknechte
    und vermissen die Runzmägde!

image007Das ursprünglich althochdeutsche Wort `Runz´ wurde als Ausdruck für ein „rinnendes Gewässer“ benutzt und speziell für das von Menschen kanalisierte Wasser verwendet.

Später wurde dieser Name auch auf die Genossenschaften übertragen, die sich als Wasserinteressierte und Wassernutzer zusammengeschlossen hatten. Das Wasser wurde zur Wiesenbewässerung und zur gewerblichen Nutzung der Wasserkraft gebraucht. Die Runzgenossenschaften mussten die Kanäle instand halten. Dafür waren die `Runzknechte´ zuständig.
Der aufmerksame Leser bemerkt hier eine sprachhistorische Leerstelle: Er vermisst die `Runzmägde´!
In Zukunft müssen aus Gleichstellungsgesichtpunkten die vorliegenden Runzordnungen überarbeitet werden. Einen Vorschlag will ich schon heute liefern: „Die mit der Instandhaltung der Runzen Beschäftigten“!

 

 

image008 Die Namenserklärung auf diesem Straßenschild ist etwas ungenau:
Eigentlich müsste sie sich allein auf die „Dillenmühlen-Runzgenossenschaft“
beziehen, durch deren ehemaliges Gebiet die Straße führt.
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Die `Dillenmühlen´ waren Brettersägen (`Dielen´). die sich schon um 1300 nachweisen lassen. Der Dillenmühlenkanal, erstmals 1386 erwähnt, wurde nach 1945 verfüllt.

Zwischenhalt auf der Oberaubrücke

Unter uns die `Dreisam´, (keltisch: *tragisamā, „die sehr schnelle“3 ); ab Ebnet ist der Fluss heute eher ein schnurgerader Kanal.

dreisam image0094Quellflüsse der Dreisam

Früher suchten sich die abfließenden Wassermassen der zahlreichen Zuflüsse der Dreisam neue Rinnen und Wege und überschwemmten weite Flächen. Mit `Wuhren´ (Wehre) bändigte man den Wasserlauf, zweigte am Sandfang einen Gewerbekanal ab, der noch heute zwischen Schloßberg und Kartäuserstraße fließt.

Durch die Ansiedlung von Papier-, Eisen- und Textilfabriken wurde die Dreisam zwar intensiver gewerblich genutzt, aber auch kräftig verschmutzt. Edelsteinschleifereien, Gerbereien, Schmieden, Hammer- und Sägewerken, gibt es aktuell in der Form nicht mehr. Über die Frage, wann die letzten Lachse gesichtet wurden, wird heute noch kräftig in Leserbriefen der BZ gestritten.5

image010 „Allerdings hat die Besinnung auf Regenerative Energien für die Inbetriebnahme kleiner Wasserkraftwerke zur Gewinnung von Strom dafür gesorgt, dass man das ökonomische und ökologische Potenzial des Flusses wieder wertschätzt.“ 6
Die Kleinkraftwerke sind die Nachfolgeanlagen der ehemaligen Gewerbebetriebe, z.B. der Firma MEZ. Sie hat in Freiburg mit ihren Anlagen den ersten elektrischen Strom erzeugt.
Hinweistafel der Badenova an der Kartäuserstraße
Am Ursprung der Freiburger Bächle

Von der Kartäuserstraße führten uns Treppen hinauf zum Südrand des Schloßbergs. Am Gewerbekanal konnten wir die Zuleitung des Dreisamwassers für das Bächlesystem durch den sog. Bächlekanal sehen. Dieser Kanal war ursprünglich ein offener Wasserlauf und wurde gegen Ende des 17. Jhdt. im Zuge des Festungsbaus überwölbt und läuft bis vor das Schwabentor.

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Der Gewerbekanal am Südrand des Schloßbergs
image012Abb. 28: Abzweigung des Bächlekanals vom
Gewerbekanal und Eingang in den Bächlestollen
hinter dem Gebäude Kartäuserstraße 47a
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Die Hochwasserkatastrophe 1896

Trotz der Kanalisierung der Dreisam, so wusste der Referent zu berichten, war bei Hochwasser 1991 das Sportinstitut abgesoffen.

image013 Nach diesem Hinweis ergriff der erste Zuhörer mit E-Bike flugs die Flucht.

Der Flüchtende hatte diese Abbildung noch nicht gesehen:
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Abb. 22: Beim Hochwasser der Dreisam am 8. März 1896 zerstörte Schwabentorbrücke. Beim Einsturz der Brücke kamen zwei die kritische Lage inspizierende Beamte ums Leben, während sich der damalige Oberbürgermeister von Freiburg (OTTO WINTERER) gerade noch retten konnte (SCHADEK 1989: 106; Foto: RÖBCKE, 9. März 1896, Stadtarchiv).8

image015 Was trieb unseren Flüchtenden an?
Etwa ein weiteres Menetekel als eine Warnung vor dem, was da noch kommen wird?
image017 „Mene mene tekel u-parsin”

„…Und sieh! und sieh! an weißer Wand
Da kam´s hervor wie Menschenhand;

Und schrieb, und schrieb an weißer Wand
Buchstaben von Feuer, und schrieb und schwand.

Der König stieren Blicks da saß,
Mit schlotternden Knien und totenblass.

Die Knechtenschar saß kalt durchgraut,
Und saß gar still, gab keinen Laut.

Die Magier kamen, doch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand….“ 9

Die Hochwässer in Zeiten des Klimawandels müssen richtig interpretiert werden: Nicht die Forellen, sondern die Krokodile kehren zurück!

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Diese Wasserwege hätten wir
ein paar Tage später nicht mehr
betreten können. 10
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Die Dreisam war durch die anhaltenden Niederschläge in den vergangenen Wochen kräftig angeschwollen. Einige Ehemalige werden sich erinnern, dass diese Situation früher zu wilden Kajakfahrten verführt hat. Es hatte fast soviel Spaß gemacht, wie die Isteiner Schwellen zu befahren. image023

Lang, lang ist´s her!
Wir stiegen nun von der plätschernden Dreisam hinauf zur Schwabentorbrücke, um den rauschenden Vekehr zu erleben. Einige Schritte waren es nur zu dem alten Bett der Dreisam, was deutlich tiefer lag als die Wallstraße.

Auf der Insel: Das `Haus zum Rauen Mann´
image024 Dieses Gebäude erinnert an die Zunft der Gerber, die Unmengen Wasser für ihre Arbeit benötigt haben. Ihre Abwässer sorgten für ein hohes Konfliktpotential zwischen Gerbern und Fischern (`Fischerau´), die in ihren Fischkästen wichtige Nahrungsmittel produzierten.
Ein alter Brunnen auf der Insel mit abgewetzten Rändern wurde vermutlich zum Schärfen der Gerberutensilien benutzt. Die Brunnengröße lässt darauf schließen, dass er für größere Tiere als Tränke zur Verfügung stand.
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Ein Blick auf das Gebäude der Reinigungsfirma Himmelsbach erinnerte uns daran, dass hier ehemals eine mittelalterliche Badstube stand. Auch damals wurden in diesen öffentlichen Badehäusern Körper und Geist in den Zubern gereinigt. Es ist zu vermuten, dass alle Beteiligten ihren Spaß dabei hatten.

Bei genauem Hinsehen hat sich auch im Inselbereich ein Krokodil häuslich eingenistet. Die Himmelsbachs haben Pflege und Fütterung des Raubtiers übernommen. Das Untier schaut auch ganz begeistert auf das kleine Wasserkraftwerk, das sich vor dem Gebäude der Himmelsbachs befindet. image027
Letzte Station: Haus zum schwarzen Hafen (Fischerau 14)

image028Der Oberbürgermeister Otto Winterer (1846 – 1915) hatte in seiner Amtszeit die Stadt Freiburg nachhaltig gestaltet. Mit einem Vorhaben ist er allerdings gescheitert: Er wollte einen Kanal zum Rhein bauen und Freiburg als Hafenstadt etablieren.11
Vielleicht erinnert die Hausinschrift in der Fischerau an dieses Vorhaben, das sich nicht realisieren ließ.
image029Der `ewige Teiler´ des Gewerbekanals schickt die Wassermassen 2/3 nach links und 1/3 Drittel nach rechts in das Bächlesystem. „Ewig“ weist darauf hin, dass hier keine Veränderungen vorgenommen werden dürfen.
Eine beruhigende Feststellung am Ende der Führung: Was währt heutzutage noch `ewig´?

Dem Referenten wurde von der Gruppe für seine exquisite Führung ganz herzlich gedankt.
Auch sein Hinweis auf Sonnenschein am Ende der Führung hatte sich bewahrheitet.
Anschließend trafen wir uns – ob mit oder ohne vorhergehende Wanderung – um 18 Uhr in der Gaststätte `Goldener Anker´ Ecke Talstr./Uhlandstr. 13. Im reservierten Nebenzimmer wartete ein Kollege, der in diesenimage030
Räumlichkeiten regelmäßig Cego spielt. Er ist nicht der Einzige in der Gruppe der Ehemaligen, der diesem Kartenspiel frönt.
Eine muntere Unterhaltung war zu Beginn an der langen Tafel in Zimmerlautstärke noch möglich. Nach und nach füllte sich die Gaststätte; die restlichen Tische im Nebenzimmer waren schnell belegt; vermutlich um der Klaustrophobie entgegenzuwirken, wurde wie von Geisterhand Tür und Fensterteile des Nebenzimmers entfernt; die gesamte Wirtschaft und manche Schädel der Gesellschaft brummten; eine gepflegte Verständigung war an unserem Tisch nicht mehr möglich. So hoben wir die Tafel schließlich auf und räumten die gastliche Stätte.
Dem Referenten und den Organisatoren seien für diesen informativen und erlebnisreichen Nachmittag herzlich gedankt: Wir freuen uns auf den nächsten Rundgang auf den Wasserwegen im mittelalterlichen Freiburg.

Freiburg im Mai 2013; Text und Fotos Bert Färber


Fußnoten
[2] Himmelsbach, Bachabschlag. S. 30.
[3] Bernhard Maier Kleines Lexikon der Namen und Wörter keltischen Ursprungs. C.H.Beck OHG, München 2003, S.49.
[4] Werner Kästle: 32 Wandervorschläge entlang der Dreisam und in die Gebiete ihrer Zuflüsse. Freiburg 2012, S. 9.
[5] „Die Dreisam ist kein Lachsgewässer“. In: BZ vom 29.04.2013,S.26.
[7] Eckhard Villiger: Freiburg i.Br. – Geologie und Stadtgeschichte. Freiburg 1999.S. 52
[8] Eckhard Villiger: Freiburg i.Br. – Geologie und Stadtgeschichte. Freiburg 1999.S. 43.
[9] Heinrich Heine: Buch der Lieder – Kapitel 5. Auszug.
[11] Der Sonntag. 12. Mai 2013. S. 2.

Literaturangaben