Stadtteilbesuch Vauban

Eine ansehnliche Gruppe von fast 30 ehemaligen Kolleginnen und Kollegen fand sich am Treffpunkt Paula-Modersohn-Platz zum geführten Rundgang durch den Öko-Vorzeigestadtteil Vauban ein. Die meisten waren politisch korrekt mit Fahrrad und ÖPVN angereist, um die Wohnwelten der Vaubanesen auf dem ehemaligen Kasernengelände intensiver kennenzulernen.
Werner Ebel und Rolf Wiehe, die Organisatoren, mit dem Gästeführer Andreas Delleske von „Futour“Die Organisation „Futour“, die uns das alternative Quartier näher bringen sollte, betraute mit dieser Aufgabe Andreas Delleske – nach eigener persönlicher Vorstellung -„ein autoloser Hippie mittleren Alters“, der sich bei der Führung auch auf unsere Fragen verlassen wollte. In 1 ½ Stunden konnte er die bewegte Historie des ehemaligen Kasernengeländes, das die Namen des von den Nazis glorifizierten Soldaten Albert Leo Schlageter(1894 bis 1923) und dem Festungsbaumeister Sebastien Le Prestre de Vauban(1633 bis 1707) trug, verständlicherweise nur skizzieren. Auch die letzten bewegten 15 Jahre der Entstehung des neuen Stadtteils wurden in ausgewählten Schlaglichtern beleuchtet.

Kinderreichtum und Autoarmut

Der Erweiterungsbau der Karoline–Kaspar-Grundschule zeugt vom Kinderreichtum des Quartiers, in dem 40 % der ca. 5 300 Einwohner Kinder unter 18 Jahre sind: Auffällig viele Kleinkinder in jungmütterlicher Obhut auf der ausladenden Vaubanallee; leitmotivisches Erscheinungsbild ebenfalls das Fahrrad mit wimpelbewehrten Kinder- oder Lastenanhänger. Trotzdem ist der Stadtteil augenscheinlich keine große Fußgängerzone; in fast allen Bereichen werden Autos im Schritttempo gesichtet, mit Fahrern, die – vermutlich mit schlechtem Gewissen – über die Carsharing Angebote nachdenken und den 17 500.- Euro für den Stellplatz in der Quartiersgarage nachtrauern. autolos?„Das schöne Quartier hat seinen Preis“. (BZ vom 5. Mai 2012). Die hohen Mieten – bei einer BZ-Umfrage mit Abstand das Top-Problem!
Der Kampf um Stellplätze und Garagen wurde und wird mit harten Bandagen geführt und scheint in den neuen Bauabschnitten im Norden und Westen verloren zu sein. Gerhard Polt auf dem ZMF: „Ich lass´ mir doch von einer Handvoll apokalyptischer Radfahrer nicht die Freude am Autofahren verderben“.

SUSI – ein eigener Planet

Unmittelbar nach dem Abzug der Franzosen 1992 erwarb SUSI, die „selbstorganisierte, unabhängige Siedlungsinitiative“, vier Kasernengebäude und begann sie umzubauen, entgegen den ursprünglichen Plänen des Gemeinderates, die Gebäude abzureißen. Das Studentenwerk und das „Forum Vauban“ als Vorläufer des „Stadtteilvereins Vauban“ begannen ökologische Aspekte der Bebauung zu betonen und alternative Wohnformen zu planen. 1997 wurde im Gemeinderat der neue Stadtteil beschlossen und von den Stadtplanern umgesetzt.

Heute wird das SUSI-Wohnprojekt von verschiedenen basisdemokratischen Gremien betreut und weiterentwickelt:

  • die Mitgliederversammlung des Vereins als höchste Instanz;
  • die Projektkoordination, die sich aus Vorstandsmitgliedern, Geschäftsführern und Interessierten zusammensetzt und öffentlich tagt und
  • das Miethäusersyndikat, das vor Spekulation des genossenschaftlichen Projektes schützen soll.

Zusätzlich wird das Alltagsgeschäft in Voll- und Hausversammlungen der Bewohner mitgestaltet. Um in eine der begehrten Wohngemeinschaften in den vier Wohnhäusern und den Bau- und Zirkuswagen einzuziehen, ist ein Bewerbungsprozess zu durchlaufen. Aus verständlichen Gründen konnten wir keine der 2– bis 11- Zimmer-WG´s mit z.T. an Friedensreich Hundertwasser erinnernden Badelandschaften besichtigen.

"Maniacs" Der Blick auf einen verrosteten Uralt-Camper mit der Patina der Wagenburgen aus der Anfangszeit musste genügen: Unter dem grünen Bewuchs schimmerte die Aufschrift „Maniacs“ durch. Nomen est Omen?

Sozialverträglicher Häuslebau

In einer fast autofreien Querspange mit begrüntem Randstreifen konnten wir eines der 60 Baugruppenprojekte bewundern. Die Projektbeteiligten mussten sich planerisch und bautechnisch zusammenraufen, um zu einer preisgünstigen Unterkunft zu kommen. Durch Eigenleistung konnten die Bauherren und Baufrauen bis zu 20 % der Baukosten einsparen. Als weitere soziale Wohnformen sind zu nennen:

  • die generationsübergreifende Wohngenossenschaft „Genova“;
  • „Vaubanaise“: ein genossenschaftlich finanziertes Haus für Menschen mit und ohne Behinderung (im Bau).
Die Solarsiedlung – die Zukunft ökologischen Bauens!

KunterbuntUm in die Solarsiedlung zu gelangen, musste die Besuchergruppe die stark befahrene Merzhauser Straße überqueren. Waren wir durch unseren bisherigen Rundgang schon so verkehrsentwöhnt, dass einige vergaßen, den Fußgängerüberweg mit grünem Ampellicht zu benutzen? Auf dieser Straße haben die Autos und Straßenbahnen -noch- Vorrang vor den Fußgängern!
In der Solarsiedlung sprechen die Zahlen der Energieeinsparung für sich: Niedrigenergiehäuser, Passivhäuser, Plusenergiehäuser; auf den Dächern flächendeckende Solarzellen und begrünte Flachdächer.
vauban_sueden5Wir sitzen andächtig lauschend in der Runde auf Gesteinsblöcken und betrachten die bunten Holzhäuserzeilen, die in die energetische Zukunft weisen. Die „Villa Kunterbunt“ von Astrid Lindgren lässt grüßen!

Unser Stadtteil-Führer weist schonungslos auf Bausünden in diesem Bereich hin: Hinter der Sitzgruppe eine CO2 –trächtige Tiefgarage aus Beton; im 2. Stock ein Heizkörper vor der Fensterfront, ohne diese ökologische Verfehlung mit dem Vorhang zu verbergen; ein aufgesetztes Attikageschoß mit eingebauten Kältebrücken par excellence!

Wir wenden unseren neugierigen Blick betreten ab und diskutieren über weitere Energieeinsparmöglichkeiten beim Wohnungs- und Häuserbau. Erhöht die energiesparende Einladung von Freunden etwa die Zimmertemperatur!?

Der Backofen in einer Grünspange – ein Nachbarschaftsprojekt

BackofenDieser Ofen kann für gemeinsame Aktivitäten reserviert werden und fördert den sozialen Zusammenhalt von Jung und Alt. Er verdeutlicht, dass soziale Aspekte im Stadtteil nicht nur im Konfliktfall diskutiert werden, sondern auch gemeinsame Unternehmungen im Quartier möglich sind. Auch ein Schwatz auf dem Markt kann entspannend und unterhaltsam sein.
Bevor die Pizza in den Ofen geschoben wird, ist der Einkauf für den Belag auf dem Bauernmarkt obligatorisch.

Der Wochenmarkt auf dem Alfred-Döblin-Platz am Mittwochnachmittag bietet gesunde Lebensmittel z.T. aus der Region an: Käse, Oliven, Fisch, Gemüse, Obst…

Die Besichtigung klang mit einer ‚Hockete‘ im Restaurant „Süden“, das im Namen und Logo das südliche Flair des Stadtteils ausstrahlt, mit tschechischem Dunkelbier und mediterranem Salatteller aus.

Die Protagonisten aus Jürgen Lodemanns Roman „Salamander“ wurden weder im noch auf der Terrasse des Lokals gesichtet. Süden Was bleibt: Nachdenken über die Lebensqualität im eigenen Stadtteil oder Dorf. Vielleicht sollte man sich zur Nachbereitung des Rundgangs den Vauban-Film unseres ehemaligen Staudi-Kollegen Bodo Kaiser anschauen.

Ein herzliches Dankeschön geht an die Organisatoren der Unternehmung und den Gästeführer für den anregenden Rundgang durch einen Stadtteil, der zum Nachdenken ermunterte, und bei den Besuchern für einigen Gesprächsstoff gesorgt hat.

Zum Nacharbeiten:
Das schöne Quartier hat seinen Preis (veröffentlicht am Sa, 05. Mai 2012 auf badische-zeitung.de)
Das Nachhaltigkeits-Quartier (veröffentlicht am Di, 01. Mai 2012 10:20 Uhr auf badische-zeitung.de)
Vom Kasernenareal zum attraktiven Wohngebiet (veröffentlicht am Di, 01. Mai 2012 10:03 Uhr auf badische-zeitung.de)
DVD: WOHNEN IM VAUBAN. Wie Baugemeinschaften einen Stadtteil der Zukunft gestalten. Ein Film von Reinhold Prigge und Hartmut Wagner. Beschreibung und aktuelle Aufführungstermine unter www.hartmut-wagner.de
www.vaubanaise.de(Für Lodemann – Fans!)
www.vauban.de (Webseite mit ausführlicher Linkliste!)
www.haus037.de
www.forum-vauban.de/
www.passivhaus-vauban.de/
www.susi-projekt.de/

Text und Fotos: Bert Färber