Partygeflüster

Dezember 2008, Freitagabend Staudinger-Schule
Gepflegter Empfang: Sekt und Butterbrezel serviert von freundlichen Schülerinnen und Schülern. Smalltalk der Gäste, bis wir in die Räume der Studienstufe begleitet werden.

Du meine Güte! Mit Bierflaschen herumfuchtelnde, unflätig pöbelnde Jugendliche sitzen im Eingangsbereich -unangenehm – , dass die Schule das zulässt! Aber gut, da will ich mich jetzt nicht drum kümmern, bin ja gekommen um einen unterhaltsamen Theaterabend zu verbringen.

Partygeflüster ist der Titel. Hört sich nett an – eine Liebesromanze? – eine Komödie?

Die Zuschauer/innen sitzen beengt im engen Flur. Am Ende ist die Bühne. Sehr spartanisch. Zwei Jungs dekorieren die Wände mit Luftballons und Papiergirlanden. Aus dem Gespräch erfahren wir, dass sie Mädels für eine Fête eingeladen haben. Aufregung wird durch coole Sprüche kaschiert. Die Eltern wissen von nichts.

Szenenwechsel: Die eingeladenen Mädels haben auch keinen Plan was der Grund für die Einladung ist. Ohne Ihre Freunde? Plumpe Anmache oder sollen sie blamiert werden? Da nimmt man mal lieber ein paar „uncoole“ Genossinnen mit – sicher ist sicher.

Die Party beginnt lau. Wir sehen und hören nur die Begegnungen auf dem Flur, der Partyraum selbst bleibt hinter der ständig bewegten Türe unsichtbar, lediglich die Musik und Stimmen sind zu hören.

Dann läutet es erneut an der Haustüre. Die Jungs aus der Eingangsecke verschaffen sich ungebetenen Eintritt. Uli- der Gastgeber – sieht keine Chance. Mit derben Drohungen und Alkohol wird die Party „aufgemischt“. Die übrigen Gäste sind uneinig: Wird die Party erst jetzt lustig oder ist das doch zu viel? Was soll’s – Die Party geht weiter. Auf dem Weg zum Klo und bei Tanzpausen im Flur werden Infos ausgetauscht: Wer geht mit wem? Wer ist cool? Wer hat Chancen? Wen findest Du gut? Oh Gott ist mir schlecht. Es läutet, niemand fühlt sich zuständig. Als endlich geöffnet wird, beschwert sich die Nachbarin Frau Roggenschneider. Drohungen der ungebetenen Gäste – Uli versucht den Hausfrieden durch Beschwichtigung zu retten. Hat mehr Angst vor dem Ärger der Eltern. Die anderen halten sich raus – ist ja nicht ihr Ding.

Als es nicht mehr zu kontrollieren ist geht Mia – Schwarm aller Jungs – und versucht Hilfe bei einem Bekannten zu holen – ganz diskret und ohne Polizei. Im Partyflur eskaliert die Situation, Frau Roggenschneider wird von den Jungs die Treppe heruntergestoßen. Mia findet sie bei der Rückkehr bewusstlos im Treppenhaus und holt sofort Hilfe.

Szenenwechsel: Wir finden uns im Theatersaal wieder, die Bühne ist ein Gerichtssaal. Klare Sache. Uns können die unschuldig dreinblickenden Übeltäter nicht täuschen.

In beklemmenden Gerichtsszenen wird deutlich, dass die Wahrheit viele Unwägbarkeiten hat: Frau Roggenschneider kann durch den Sturz Wahrheit von Wahrnehmung nicht unterscheiden, auch sie belastet Mia. Die angeblichen Freunde haben andere Beweggründe: Angst vor Repressalien, alte Rechnungen, Eifersucht, Neid und Eigeninteresse verzerren das Bild. Die Richter entscheiden nach Gesetzestext – alles ganz legal – und Mia steht am Ende allein – verzweifelt – unfassbar – ohne Schutz vor dem Unrecht. Ohne Hilfe von all denen, die die Wahrheit kennen. Justitia wird es schlecht, sie kotzt die verdrehten Paragrafen.

Videoszenen aus dem Alltag transferieren das Thema von der Bühne in die Realität.

Wir gehen nach draußen. Betroffen und beeindruckt von der schauspielerischen Tiefe dieses Stückes. Nachdenken: Wo schweigen wir selbst, sehen weg, nutzen die Gunst des Mainstreams für unsere Zwecke – wider besseren Wissens?
„Wer die Wahrheit nicht weiß, ist ein Dummkopf – Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher.“ Über 60 Jahre alt dieser Gedanke. Er ist aktuell wie eh und je. Die Schülerinnen und Schüler auf der Bühne haben uns Bertold Brechts erbitterte Erkenntnis mit diesem anspruchsvollen Bühnenstück nahegebracht.
Danke allen Akteur/innen vor, hinter und auf der Bühne für diesen Abend!

Beya Stickel