Interview mit Rainer Schoenfeld

„Ich bin zwar als `Heidjer´ nicht am Wasser aufgewachsen, aber…“

Interview mit Rainer Schoenfeld am 21.05.2013
image001Rainer Schoenfeld, StD i.R. hat die Staudi-Pensionäre am 15.Mai 2013 auf einem Spaziergang entlang Freiburger Wasserwege geführt. An ausgewählten Standorten vermittelte er Einblicke in die Trinkwasserversorgung vom Mittelalter bis heute, erklärte die Dreisam als Zulieferer der Gewerbekanäle und der Bächle und veranschaulichte die Entwicklungen mit unterhaltsamen Geschichten.
Das Interview führte Bert Färber.
Zur Person:

Warum bist du Lehrer geworden?

Schon meine Handballtrainertätigkeit als Schüler im Sportverein hat mir viel Freude bereitet und kam offensichtlich auch an. Ich musste sehr wohl überlegen, wie man die Trainingseinheiten methodisch und didaktisch angeht, um mit der Mannschaft erfolgreich zu sein.
Später bei der Bundeswehr habe ich als angehender Gruppenführer kleinere Ausbildungsaufgaben übernommen; ich erinnere mich an das Thema „In Stellung gehen“, das ich aufbereiten sollte: Ohne Einführung habe ich der Gruppe befohlen, „in Stellung zu gehen“, was methodisch sehr ungewöhnlich war.
Das geplante Studium des Wirtschaftsingenieurswesens habe ich dann doch gelassen, da zu viel Mathe drin war. Ich habe mich schließlich daran erinnert, was ich gut konnte und das waren Sport und Geographie. Später nahm ich noch Englisch als Studienfach dazu.

Wir kennen uns als Kollegen von der Staudinger Gesamtschule. Wann und warum bist du eigentlich an diese Schule gekommen?

1977 bewarb ich mich nach meiner Zeit am Hans-Thoma-Gymnasium in Lörrach an der Staudinger Gesamtschule, um näher am Wohnort meiner Familie zu arbeiten. Ich konnte die Fk´s von meiner Bewerbung überzeugen und wurde in das Kollegium aufgenommen.

Ja richtig, ich erinnere mich, dass man damals Vorstellungsgespräche in den Fk´s zu bestehen hatte. Welche Erinnerungen hast du noch an die Anfänge deiner Unterrichtstätigkeit?

Nach den ersten Unterrichtserfahrungen kann ich eine Verunsicherung nicht verhehlen: in Lörrach waren die SchülerInnen wesentlich angepasster, die Eltern sehr zurückhaltend. Am Staudinger war ich pädagogisch mehr gefordert, den Englischunterricht im Basic-Cours habe ich teilweise in die Sporthalle verlegt; tatkräftige Unterstützung der Kolleginnen und Kollegen und motivierende Teamarbeit in den Klassen haben mir über pädagogische Durststrecken, anstrengende Elternabende und zeitintensive Konferenzmarathons hinweggeholfen.

Gab es zwischendurch bei dir auch Überlegungen, die Gesamtschule zu verlassen?

Als ich 50 geworden war wurde mir bewusst, dass der Rest des Lehrerdaseins kürzer sein würde als die Zeit vorher. Da lag die Überlegung nahe, noch einmal zu wechseln. Aber ich bin geblieben, weil die positiven Erfahrungen überwogen: Eine herzliche Aufnahme im Kollegium, in dem ich hilfreich unterstützt wurde, dann die motivierende Teamarbeit in Klassen und Gremien, die ständigen Herausforderungen, die sich aus den strukturellen und pädagogischen Entwicklungen ergaben. Dies half mir sehr, meine Rolle als Lehrer an der Gesamtschule zu finden und zu festigen.

Wie hat sich die Schule während deiner Zeit verändert?

Meine Zeit in der Staudinger Gesamtschule war geprägt von vielfältigen Veränderungen: Der Wandel war fast das Konstante. Nach dem Ende der Modellphase 1980 wurde die Schule Prüfungsorgien unterworfen, politisch in Frage gestellt und dem Regelschulsystem immer mehr angepasst.
Ich musste mich in diesem Prozess der strukturellen Veränderung zwar kontinuierlich neu orientieren, sah aber auch die Chance der erfolgreichen Mitgestaltung der inneren Schulentwicklung. Im Vergleich zu anderen Schulen sind wir auf diesem Weg gut vorangekommen.

Einigen Kolleginnen und Kollegen fällt die Pensionierung schwer. Wie war das bei dir?

Auf die Pensionierung habe ich mich gefreut: keine lästigen Korrekturen, eigene Zeiteinteilung ohne das Korsett des Stundenplans und schulischer Verpflichtungen; allerdings vermisse ich die vielen Gespräche im Kollegium, mit den Schülerinnen und Schülern, den Eltern und dem Hauspersonal. Durch die Arbeit im argus-Team komme ich immer wieder an die Schule und kann einige Kontakte pflegen.

Das Thema Wasserwege in Freiburg

Wie bist du auf das Thema Wasserversorgung / Wasserwege in Freiburg gekommen? Hast du dich schon im Geographiestudium intensiver mit dem Thema `Wasser´ beschäftigt?

Dieses Thema hat mich im Studium eigentlich weniger interessiert. Da hätte man ja auch Hydrologie studieren können. Erst in der Schule habe ich mich in der Unterrichtseinheit „Wasserversorgung im Ruhrgebiet “ näher mit diesem Thema beschäftigt. Die Materialfülle zu diesem Themenkomplex, die ich mir beschaffen konnte, hat mich doch einigermaßen überrascht. Noch faszinierender fand ich den bedrohlichen „Krieg ums Wasser“, was mir inhaltliche Zugänge zu dem Thema ebnete.
Die UE „Kreislauf des Wassers“ in der 5. Klasse hat mich angeregt Exkursionen durchzuführen: Wasserwerk, FEW… Den Schülern haben diese außerunterrichtlichen Aktivitäten gefallen.

(Übrigens: Eine ehemalige Copilotin hat mir bestätigt, dass sie bei euren gemeinsamen Wandertagen und Ausflügen sehr viel von dir gelernt hat!)

Zudem stamme ich aus dem Norden Deutschlands; ich bin zwar als Heidjer- einer aus der Lüneburger Heide- nicht am Wasser aufgewachsen, aber in dem Ort Lachendorf an der Lachte (Lache = Wasser) geboren. Aufgewachsen bin ich in Stade, ganz nahe an der Elbe. Da sind wir gerudert, haben gebadet, bis der Fluss stark verdreckt war und das Baden verboten wurde.
Auch mein Vater spielt in diesem Zusammenhang eine nicht unerhebliche Rolle: Er war von Beruf Wasserbauingenieur!
Zudem bin ich im Sternbild des `Wassermann´ geboren, was auch ganz gut dazu passt.

Was hat dich an diesem Thema am meisten interessiert?

Was mich besonders interessiert hat, war die Kombination des Geologischen bzw. Geomorphologischen auf der einen Seite mit der Stadtgeschichte auf der anderen Seite: Was war früher, wie hat sich das alles entwickelt, was sieht man noch heute? Damit hatte ich mein Thema gefunden. Empfehlenswert ist hier eine Veröffentlichung des Landesamtes für Geologie, Rohstoffe und Bergbau Baden Württemberg: Eckhard Villinger, Freiburg im Breisgau- Geologie und Stadtgeschichte . In diesem Werk wird die Geographie und Geschichte überzeugend verknüpft.

Wie lange hast du dich auf die Führung der Kolleginnen und Kollegen am Mittwoch, dem 15. Mai 2013, vorbereitet?

Intensiver habe ich mich das ganze Jahr 2012 mit dieser Materie beschäftigt; ein gutes Jahr habe ich gelesen und recherchiert. Zum ersten Mal bin ich im Februar 2013 in die Öffentlichkeit gegangen. Am 3. Februar – an diesem Tag wäre mein Vater 100 Jahre alt geworden – hatte ich Freunde eingeladen und einen Vortrag gehalten.
Für eine Führung musste ich überlegen, wie ich den erarbeiteten Stoff portioniere, dass er in der geplanten Zeit aufgenommen werden kann; ich wollte nicht nur trockenes Faktenwissen vermitteln, sondern mit Geschichten und Anschauungsmaterial auflockern.
Zuerst habe ich mir überlegt, wo kann ich mit dem Spaziergang anfangen und welche Stationen will ich anlaufen; ich wusste von meinen Unterlagen, dass das `Mösle´ der Beginn der mittelalterlichen Trinkwasserversorgung in Freiburg war. Mit Hilfe des Stadtplans habe ich einzelne Stationen festgelegt und mir überlegt, wie viel ich da sage.

Welche Erwartungen hattest du an den Wasser-Spaziergang mit den ehemaligen Kolleginnen und Kollegen?

Erwartungen? Ich hatte eher leichte Befürchtungen, dass mein Plan weniger gut gelingen könnte. Die Premiere war es zwar nicht, trotzdem verspürte ich leichtes Lampenfieber, dass meine Führung bei dieser Gruppe ankommt.
Die Kolleginnen und Kollegen sind ja mehr oder weniger ein interessiertes Fachpublikum und gewohnt, dass man etwas erzählt bekommt, bzw. sie haben ja selbst auch genug zu erzählen.
Die Gruppe sollte während des Rundgangs genügend Zeit haben, um sich auszutauschen und wieder zu sammeln, um neue Informationen aufzunehmen; deshalb der etwas längere Anmarschweg, gefolgt von kürzeren Intervallen; insgesamt sollte die Unternehmung ein angenehmer Zeitvertreib werden.

Wie war aus deiner Sicht die Reaktion der Staudi-Pensionäre auf deine Wasserwege-Wanderung durch Freiburg?

Mein Vorhaben ist – so habe ich es empfunden – ganz gut gelungen und von den Teilnehmern ausgesprochen positiv aufgenommen worden. Als wir die Führung am `Haus zum schwarzen Hafen´ in der Fischerau 14 beendet haben, war von einer Teilnehmerin zu hören: „Rainer, ich könnte dir noch stundenlang zuhören!“ Was für ein ehrliches und liebenswertes Kompliment, dem alle Teilnehmer klatschend beipflichten konnten.

Fazit / Ausblick

Können wir mit einer Fortsetzung dieser Aktivität rechnen?

Den Besuch des „Deicheleweihers“ habe ich ausgespart. Auch die Geschichte der Bächle und die strittigen Fragen der Aufschüttungen in der Altstadt kamen in meinen Ausführungen noch nicht vor. Die spannende Frage der `Wasserstraße´, die weit ab von Gewässern in der Stadt existiert, müsste unbedingt bei der nächsten Führung beantwortet werden. Auch werden auch hier die Geomorphologie der Schwemmfächer und die Geschichte der Juden im Mittelalter eine wichtige Rolle spielen.

Gibt es noch andere Themen und Projekte, mit denen du dich zur Zeit beschäftigst?

Mit dem Thema `Juden` bin ich ebenfalls in anderer Weise beschäftigt. In meiner Verbindung, der „Akademischen Turnverbindung Cheruskia – Burgund“, bin ich nach Auswertung der Nachrichtenblätter zwischen 1933 bis 1945 und davor auf eklatante Widersprüche gestoßen.
Nach einer ersten Aufarbeitung der Geschichtslücken in den Verbindungsdokumenten habe ich den Anstoß für eine Stolpersteinverlegung für einen jüdischen Verbindungsbruder in Berlin gegeben. Einen Arbeitskreis der Verbindung auf Bundesebene zum Thema `Erinnern´ habe ich initiiert und werde darin in Zukunft mitarbeiten.

An welchen Unternehmungen mit deinen ehemaligen Kolleginnen und Kollegen würdest du gerne in der Zukunft teilnehmen?

Ich bin, was Themen angeht, relativ offen. Interessant finde ich eine Unternehmung für die Staudi-Pensionäre, wenn eine Verbindung zwischen einem ansprechenden Thema, der Geselligkeit und Bewegung hergestellt wird.

Bert Färber, Freiburg, den 21.05.2013

Literaturangaben:

  • http://www.unsere-dreisam.de/projekte/wasserweg/wasserweg.htm
  • Eckhard Villinger: Freiburg im Breisgau- Geologie und Stadtgeschichte. Freiburg 1999.
  • Iso Himmelsbach: Bachabschlag. Von Bächen und Kanälen in Freiburg i.Br. Freiburg 2005.
  • Jörg Lange: Die Dreisam – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Freiburg 2007.
  • J. Scheck, M. Zeller: Das Freiburger Bächlebuch. Kirchzarten 2002. (Inzwischen ist eine 2. Auflage erschienen.)
  • www.atv-freiburg.de/