„Ich vermisse meine Familie, meine Freunde und das arabische Essen“

Klasse 10 e im Gespräch mit einem jungen Syrer

Mucksmäuschenstill ist es am 18. Januar im Klassenzimmer der 10 e, als Rawad Kanaan (26) über sein Leben in Syrien und seine Flucht nach Deutschland berichtet. Der syrische Arzt ist auf Einladung von Herrn Bürger, Gemeinschaftskundelehrer der 10 e, bereits zum zweiten Mal zu Gast an der Staudinger-Gesamtschule. „Die Geschichte meiner Flucht ist unspektakulär, ich musste nicht über das Meer kommen, sondern bin dank meines Visums einfach in ein Flugzeug gestiegen“, erzählt Kanaan, der genau vor einem Jahr nach Deutschland einreiste. Fünf Jahre Krieg hatte er zuvor in seiner Heimatstadt Homs und in Damaskus erleben müssen, wo er als Assistenzarzt im Krankenhaus täglich Verletzte versorgte. Seine Familien und Freunde leben noch immer in der drittgrößten Stadt Syriens.

„Was macht Sie am Syrienkrieg am wütendsten?“, fragt Fabian (16) Rawad Kanaan. „Dass viele Menschen durch die Gräueltaten des IS ein so negatives Bild von Syrien haben. Die Syrer sind ein sehr offenes, freundliches und gebildetes Volk. Bei uns in Homs war vor dem Krieg vieles so wie hier in Deutschland. Die Menschen haben ein normales Leben geführt, es gab ein Nachtleben wie in jeder anderen Großstadt. Christen und Muslime haben friedlich miteinander gelebt. Außerdem ist es schrecklich, dass die schönen Städte und alten Sehenswürdigkeiten unseres Landes zerstört wurden.“ Kanaan bedauert, dass er selbst nie in der wichtigen Stadt Ar-Raqqa oder in Aleppo, welches einer der wichtigsten Kulturstätte seines Landes ist, war.

„Wie war es, sich in Deutschland einzuleben?“, fragt Julia (16). Kanaan betont, wie freundlich er bisher überall behandelt worden sei – selbst auf Behörden. Die kulturellen Unterschiede empfindet er nicht als besonders groß, nur der Karneval in Köln, der sei doch eine spezielle Erfahrung gewesen, erklärt er schmunzelnd. Kanaan ist dankbar, dass Deutschland so viele Flüchtlinge mit offenen Armen aufgenommen hat, befürchtet aber auch, dass das Land an die Grenzen seiner Belastbarkeit kommen könnte. In Siegen, wo Kanaan im Krankenhaus ein Praktikum absolvierte und in Köln, wo er in einer Flüchtlingsunterkunft des Roten Kreuz mitgeholfen hat, ist er immer wieder als Übersetzer eingesprungen. Kanaan ist aufgrund dieser Erfahrung fest davon überzeugt, dass der Schlüssel zu erfolgreicher Integration darin liegt, dass man möglichst schnell die Sprache des Gastlandes lernt.

Er selbst ist dafür ein gutes Beispiel: Obwohl er erst seit eineinhalb Jahren Deutsch lernt, kann Kanaan die Fragen der Schülerinnen und Schüler der 10 e beeindruckend flüssig beantworten. Derzeit bereitet er sich auf die Anerkennung seines syrischen Medizinabschlusses vor und würde gerne nach gelungener Approbation zur medizinischen Weiterbildung in Deutschland bleiben. „Möchte Ihre Familie denn auch nach Deutschland kommen?“, fragt Cita (16) den jungen Arzt. „Nein, die haben ja ihre Arbeit und ihr Leben daheim. Aber auf Urlaub würde ich gerne mal wieder zurück nach Hause fahren. Auch wenn Syrien derzeit kein optimales Urlaubsziel ist“, gesteht Kanaan ein.

Text und Bild: Catherine Pasdar