Holocaust-Gedenktag: „Sein Blick hat mich nicht losgelassen…“

Das großformatige schwarz-weiß Foto, das neben dem Autor Robert Domes steht, berührt: Es zeigt den damals zehnjährigen Ernst Lossa am Tag seiner Einlieferung in ein Erziehungsheim der Nationalsozialisten. Der Kopf des Jungen ist kahlgeschoren, sein Blick durchdringend und traurig. Kein Wunder, hat dieses Kind doch bereits viel erlebt.

Es ist jenes Bild, das Robert Domes nicht losgelassen hat, als der ärztliche Direktor der psychiatrischen Klinik in Kaufbeuren ihm die 70 Jahre alte Krankenakte des Ernst Lossa mit den Worten „Da steckt Stoff für ein ganzes Buch drin“, in die Hand drückte. Domes, Journalist und ehemaliger Leiter der „Allgäuer Zeitung“ begann zu recherchieren. Aus der Recherche, die ursprünglich nur ein halbes Jahr dauern sollte, wurde ein Roman – „Nebel im August“, der insgesamt sechs Jahre Schreibzeit in Anspruch nahm und 2016, von Kai Wessel verfilmt, ins Kino kam. Robert Domes ist anlässlich des Holocaust-Gedenktages zu Gast an der Staudinger-Gesamtschule. Sein Besuch wird von der Konrad-Adenauer-Stiftung, vertreten durch Christian Schäuffele, unterstützt.

Robert Domes erzählt den aufmerksam lauschenden Schülerinnen und Schülern der J1 vom Schicksal des Jungen: Ernst Lossa wird am 1. November 1929 geboren. Seine Eltern, jung und arm, gehören zum ziehenden Volk der Jenischen und werden als „Zigeuner“ beschimpft. Sie verdienen ihren kargen Lebensunterhalt mit dem Verkauf kleiner Gegenstände, schlagen im Winter ihr Quartier in einer armseligen Unterkunft in Augsburg auf. Innerhalb kürzester Zeit bekommt die Familie weiteren Zuwachs: Ernst hat als Vierjähriger zwei jüngere Schwestern, Amalie und Anna, sowie den erst wenigen Wochen alten Christo. Als fahrendes Volk ist es die Familie gewohnt, von der Polizei drangsaliert zu werden, doch die Situation verschärft sich unter den Nazis rapide: Die Familie Lossa wird als asozial gebrandmarkt. Die Mutter, die an Lungenschwindsucht leidet, kann sich nicht wehren, als eines Tages die Fürsorge vor der Tür steht, und ihr die vier Kinder wegnimmt. Mit nur vier Jahren kommt Ernst, der als „der Große“ gilt, ins Kinderheim Hochzoll, seine kleinen Geschwister ins Säuglingsheim Oberhausen.

Es schnürt einem die Kehle zu, wenn Robert Domes die Abschiedsszene aus seinem Buch vorliest: „Mutter wird immer kleiner, aber Ernst weiß, sie schaut ihn die ganze Zeit an, und er schaut sie die ganze Zeit an. Er weiß, dass sie weggeht, weit weg. Sie fängt langsam an zu verschwinden, entfernt sich wie durch Rauch, verschwimmt wie ein Spiegelbild in der Straßenpfütze, wenn ein Stein hineinfällt. Ernst spürt, dass gerade etwas ganz Furchtbares passiert. Etwas platzt in seiner Brust, und es tut weh, als hätte man ihm einen Nagel reingestoßen…“

Vier Jahre bleibt Ernst im Kinderheim, erzählt Domes. Er entwickelt sich dort zu einem „schwierigen Kind“, ist immer wieder in Diebstähle verwickelt und wird schließlich mit 10 Jahren in ein Erziehungsheim nördlich von München abgeschoben. Dort begutachtet die berüchtigte Psychiaterin Frau Dr. Hell regelmäßig die kasernierten Kinder und kommt bei Ernst Lossa zu dem Schluss, es handle sich um ein „selten abartiges Kind, einen asozialen Psychopathen“. Damit ist das Urteil über den erst Zwölfjährigen gefällt: Ernst, dem aus heutiger Sicht gesundheitlich nichts fehlt, kommt zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, wo er mit über 1000 Patienten zusammengepfercht lebt und wird nach einem Jahr in die Kreisirrenanstalt Irsee verlegt. Dort wird er im Alter von 14 Jahren in der Nacht vom 9. August 1944 mit zwei Morphiumspritzen umgebracht.

Ernst Lossas Schicksal ist unfassbar, doch zugleich nur eines von vielen. Unter den Nazis wurden unzählige psychisch Kranke oder Menschen, die als solche zu Unrecht klassifiziert wurden, systematisch ermordet. Mit seinem Roman „Nebel im August“ erinnert Robert Domes an dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte.

Text und Fotos: Catherine Pasdar