„Höher, schneller, weiter“ – Risikoverhalten von Jungs

Er kennt sie gut – „die Kerle“, wie er sie nennt. Florian Hahn arbeitet seit Jahren als Pädagoge, Coach, Trainer und Guide und hat sich auf die Arbeit mit Jungs spezialisiert. Auf Einladung des AK-Suchtprävention war er am Dienstag, 13. November an der Staudinger-Gesamtschule zu Gast.

„Die männliche Rolle wird in unserer Gesellschaft schon früh festgeschrieben“, so Hahn. Auch wenn das Bild des kleinen Surferboys mit Sonnenbrille im Werbeprospekt auf den ersten Blick niedlich wirkt und die Boys- und Girls-Editions in blau und rosa inzwischen kaum noch hinterfragt werden, tragen solche Inszenierung doch zu einer Zementierung des männlichen Rollenklischees bei. „Jungs stehen unter einem enormen Druck, der gängigen Vorstellung vom starken, sportlichen, selbstbewussten, potenten Kerl zu entsprechen“, erklärt Hahn. Junge Männer müssen sich häufiger beweisen als Mädchen und dürfen nicht schwach sein.

Hahn sieht die Jungs mit diesen inneren Konflikten alleingelassen. Selbst vermeintlich moderne Väter böten ihren Söhnen kaum andere Rollenvorbilder als frühere Generationen: „Wer sieht heutzutage denn den Papa am Küchentisch sitzen und hemmungslos weinen?“ Hahn fordert die Eltern daher auf, sich auch mit ihrer eigenen Biografie geschlechtsbezogen auseinander zu setzen: Welches Rollenvorbild bin ich für meinen Sohn? Und welches Rollenbild möchte ich ihm eigentlich vermitteln?

Gerade die Familie kann und soll ein Trainingsfeld für pubertierende Jungs sein, um Gefühle und Bedürfnisse verbalisieren und zeigen zu dürfen. Indem Eltern einen wertschätzenden Erziehungsstil pflegen, nachfragen und bei Konflikten konstruktive Lösungsstrategien anbieten und vorleben, werden Jungs für den Alltag draußen gestärkt. Denn Jungs – und Männer generell – seien oft sprachlos, wenn es darum geht, über Gefühle zu sprechen, so Hahn. Sie glauben, Schwächen nicht zeigen zu dürfen und Probleme mit sich selbst ausmachen zu müssen. Florian Hahn verweist auf bestürzende Zahlen: Die Suizidrate bei Männern ist in Deutschland in allen Altersklassen doppelt so hoch wie bei Frauen. Gerade deshalb ist es so wichtig, Jungs schon früh zu stärken.

„Ich erlebe in meiner Arbeit oft junge Männer, die eigentlich in der Entwicklung viel weiter sein müssten“, erzählt Hahn. „Die können Risikosituationen nicht einschätzen. Wollen von einer fünf Meter hohen Mauer springen, ohne dass ihnen die Gefahren bewusst sind. Sie leiden an einer maßlosen Selbstüberschätzung.“ Der Experte sieht hier besonders die Väter in der Pflicht. „Ermutigt eure Söhne, ohne sie zu bevormunden. Macht sie stark, indem ihr Risikokompetenz bewusst mit ihnen schult und Interesse an ihrem Seelenleben zeigt.“  Denn die größte Angst, die Jungs haben, sei der Gesichtsverlust.

 

Catherine Pasdar