„Die verlorene Utopie“

Die Vereinsgaststätte „Hasenlaube“ in St. Georgen als Location für eine Filmvorführung mutet für unseren Kreis der ehemaligen Staudis eher konspirativ an: Im Hinterzimmer werden vermutlich in der Regel eher Kleintierzuchterfolge besprochen und gefeiert.
Doch am Mittwochabend, dem 6. November 2013, wurden nach dem Aufbau von Beamer, Recorder, Lautsprecher und Leinwand zunächst der Ablauf des Abends gestreng von einem der Filmemacher geregelt: Filmgucken und dabei essen geht gar nicht! Also nahm die etwas mürrische Bedienung zunächst Getränkewünsche und von der Speisekarte zum Teil abweichende Tellergerichte auf und versorgte die hungrige und durstige Versammlung nach und nach mit Speis´ und Trank. Leider bekamen die wirklich Hungrigen ihr Essen erst am Ende der Prozedur. Erfreulich bleibt hier festzuhalten: Es ist an diesem Abend weder jemand verdurstet noch verhungert!

Die engagierte Diskussion nach fast 1,5 Stunden Eintauchen in die politische Vergangenheit lässt sich zweifach erklären: Der Film1 war sehr anregend und das Publikum genügend gestärkt und motiviert, um zu dieser späten Stunde das Erlebte intensiv zu diskutieren.

Bodo Kaiser und Siggi Held hatten sich mit ihrem Film die Aufgabe gestellt, am Beispiel dreier Zeitzeugeninterviews die Auswirkungen des Radikalenerlasses in den 70er- Jahren in der Region Freiburg aufzuarbeiten. Die selbstkritischen Reflexionen der Betroffenen wurden im Film ergänzt durch historisches Material und assoziative Szenerien aus Kultur, Kunst und Tanz2.

Der ministerielle Erlass vom 28. Januar 1972 über die Beschäftigung von Links- und Rechtsradikalen hieß eigentlich in vollem Wortlaut „Grundsätze zur Frage der verfassungsfeindlichen Kräfte im öffentlichen Dienst“. 3,5 Millionen Menschen wurden überprüft; es kam zu Tausenden Berufsverbots- und Disziplinarverfahren; sehr viele Bewerber wurden abgelehnt bzw. Anwärter entlassen.

Die Interviewten im Film gehörten damals unterschiedlichen linken Parteien und Gruppierungen an, die sich inhaltlich entschieden voneinander abgrenzten und gegenseitig politisch bekämpften. Gemeinsam war allerdings die Überzeugung, dass der Weg der Reformen nicht gangbar erschien, weil er nicht aus dem als ungerecht empfundene kapitalistischen System herausführt. Als Vorbilder dienten u.a. Moskau, Peking und die Volksfront in Chile; man verortete sich im internationalen Proletariat und der proletarischen Weltbewegung und war davon überzeugt, dass im Strom der Geschichte das Proletariat letztendlich siegen wird.

Die Gesinnungsüberprüfungen äußerten sich in Vorladungen und Anhörungen der Behörden und endeten häufig mit Berufsverboten3. Auch die Gewerkschaften hatten für einige linke Parteien und Gruppen ihre Unvereinbarkeitsbeschlüsse. Diese Maßnahmen hatten auch eine nicht zu unterschätzende abschreckende Wirkung auf ein kritisches Potential im gesellschaftlichen Umfeld.

Das politische Engagement und die Ereignisse im realen Sozialismus bzw. Kommunismus hatten unterschiedliche Auswirkungen auf die individuellen Biografien: Ratlosigkeit und Zweifel an der eigenen politischen Einstellung, Austritte aus den linken Parteien und Gruppierungen und längere Arbeitslosigkeit waren die bitteren persönlichen Folgen.
Wie gingen die Betroffenen mit ihren Erfahrungen und Erlebnissen um? Gespräche darüber fanden meist nur in der eigenen Familie und im engeren Freundeskreis statt. Eine größere Öffentlichkeit wurde in die Aufarbeitung dieser Zeit nicht einbezogen.

Im Nachgang des Filmabends konnten zweifellos nicht alle Fragen gestellt und beantwortet werden. Ein Großteil der anwesenden 68er war jedoch davon überzeugt, dass der Film von Bodo Kaiser und Siggi Held einen Beitrag dazu leisten wird, sich an persönliche Erfahrungen zu erinnern, eigene Handlungsweisen zu überdenken und auf den Prüfstand zu stellen. Ob damit „alte Wunden geheilt werden können“ bleibt abzuwarten.

Ein herzliches Dankeschön gilt den beiden Filmemachern Bodo Kaiser und Siggi Held sowie den Organisatoren dieser Veranstaltung, Werner Ebel und Rolf Wiehe; der Dank soll alle Beteiligten in ihrer Arbeit bestärken, weiterhin zu planen: Die Filmemacher haben sich dem Thema „Wyhl“ zugewandt; Werner und Rolf haben ebenfalls neue Termine für den Ehemaligen-Treff der Staudis in der Pipeline! Wir freuen uns darauf.

1Verlorene Utopie. Leben mit politischer Ausgrenzung und Berufsverbot in den 70ern in Freiburg – dargestellt am Beispiel dreier Lebenslinien –
2Vgl.Begleittext zum Film
3Vgl. Peter Schneider:…schon bist du ein Verfassungsfeind. Das unerwartete Anschwellen der Personalakte des Lehrers Kleff. Rotbuch Verlag Berlin.1975.

Freiburg im November 2013/ Text und Fotos Bert Färber