Der Münsterberg in Breisach

Bri-siac – Mons Brisiacus – Breisach

Am 21.11.2012 wurde eine Gruppe ehemaliger Staudis von Frau Marlene Müller über den Münsterberg in Breisach geführt. Unsere Führung begann und endete am Bahnhof in Breisach. Dies war der Tatsache geschuldet, dass sich niemand aus der illustren und wissensdurstigen Seniorengruppe verlaufen sollte und konnte, da die An- und Rückreise teilweise sehr individuell gestaltet wurde: Ein inkamäßig bemützter Fahrradfahrer z.B. traf pünktlich aus Freiburg ein und konnte nach der Führung mit Schwung die Abfahrt vom Münsterberg für die Heimfahrt nutzen. Er wollte vermutlich noch vor der Regionalbahn in Freiburg ankommen… In Zukunft wird dieses Unterfangen schwieriger werden, da die Taktzeiten der Züge verkürzt werden.

Frau Müller von der Breisach- Touristik vor einem historisierenden Wandgemälde.

Die Staudi-Senioren schauen ehrfürchtig zum Stefansmünster empor.

Breisach im Jahre 1644

Bri-siac – der „Wasserbrecher“

Der vulkanische Kegel des Münsterbergs, der die umgebende flache Auen- und Niederterrassenlandschaft des Rheintals prägt, ragt am rechten Ufer des benachbarten Stromes steil aus der Rheinaue heraus. Er wurde vor der Tullaschen Rheinkorrektur im 19. Jahrhundert auch auf seiner östlichen Seite von Nebenarmen des mäandrierenden Rheins umflossen. So wird er seinem keltischen Namen `bri-siac`, der „Wasserbrecher“ durchaus gerecht.

Anfänge einer intensiven Bautätigkeit konnten Archäologen während des 2. Jahrhunderts v.Chr. in Breisach-Hochstetten nachweisen. 80/70 v.Chr. ließ sich eine spätlatènezeitliche Siedlungsgemeinschaft auf dem natürlich geschützten Plateau des Breisacher Münsterbergs nieder, die das Umland und den Rheinübergang militärisch sicherte.

Nach einer mehr als 200 Jahre währenden Siedlungspause sollte der `Mons Brisiacus´ durch römisches Militär wiederbesetzt werden. Hierzu ist Caesars „De bello gallico“ zu Rate zu ziehen. Pensionäre sind wissbegierig und haben Zeit.

Eine so strategisch-militärisch wichtige Siedlung wurde in seiner Geschichte mehrfach zerstört. Motto: „Ceterum censeo montem brisiciacum esse delendam…“

Vom Bahnhof ging es durch die Neutorstraße in die Fußgängerzone zum Marktplatz. Hier stand ehemals das Zisterzienserinnenkloster Marienau, das 1525 in den Bauernkriegen zerstört wurde. Es ist vermutlich schwer nachweisbar, ob die Bewohnerinnen das Kloster vor der Stürmung der militanten Bauern durch eine geheime Schlupftür rechtzeitig verlassen konnten.

Auf dem Münsterberg gab es noch weitere Klöster: Franziskaner-, Kapuziner-, Augustinerkloster und das Frauenkloster Notre Dame von 1736 in der Radbrunnenallee.

image004Der Marktplatz selbst war wohl früher ein Hafenplatz; auch Straßennamen wie Fischerhalde erinnern an die Nähe des ehemals fischreichen Rheinstromes, welcher auch als `Autobahn´ im Mittelalter diente. Ein Wandrelief deutet auf Reinald von Dassel hin, der 1164 Reliquien aus dem Mailänder Dom mit dem Schiff nach Breisach brachte.

Der Hagenbachturm

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Auf der gepflasterten Straße aus halbierten Rheinkieseln stiegen wir zum Hagenbachturm auf. Hier war der burgundische Landvogt Peter von Hagenbach wegen tyrannischem Verhalten, Rechtsbrüchen und seiner Steuerpolitik 1474 inhaftiert. Die Bürger haben sich erhoben, den Ritter eingekerkert und ihn zum Tod verurteilt: ein früher Sieg im Kampf um Menschenrechte in düsterer Zeit mittelalterlicher Ausbeutung!

Der HL – Aufstieg zum Münster

Wir folgten dem `HL-Aufstieg´ zum Münster, wo die Besucher den Blick zum nahen Eckartsberg und dem rebenbekränzten Kaiserstuhl genießen konnten.

Interessierte Zuhörer vor der offenen Krypta des Münsters.

Der Eckartsberg mit Resten der Stadtmauer und dem Europafahnen- (mast) – vom Münsterberg gesehen.

Der Eckartsberg mit Resten der Stadtmauer und dem Europafahnen- (mast) – vom Münsterberg gesehen.

Skulptur des Breisacher Künstlers Helmut Lutz auf dem Münsterplatz: „Europa greift nach den Sternen“

Skulptur des Breisacher Künstlers Helmut Lutz auf dem Münsterplatz: „Europa greift nach den Sternen“

Frau Müller gibt Hinweise für den Besuch Münsterbaus. Im Hintergrund das Rathaus.

Breisach – die erste „Europastadt“ in Deutschland

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Bereits 1950, 13 Jahre vor dem Elysée-Vertrag, setzte die Stadt Breisach mit ihrer Europaskulptur ein zukunftsweisendes Friedenszeichen. Am 9. Juli 2000 feierlich enthüllt, weist sie auf die Bedeutung der Europa-Abstimmung im Jahre 1950 hin. Die Umfrage, „Wie stehen Sie zum Zusammenschluss aller europäischer Völker zu einem europäischen Bundesstaat?“, beantworteten die Bürger der Münsterstadt damals im weitgehend noch kriegszerstörten und im Wiederaufbau begriffenen Breisach erfreulich positiv: Mit dem Europabrunnen am Marktplatz, einer Europafahne und dem „Europalicht“ auf dem Eckartsberg und der Europaskulptur auf dem Münsterplatz sollte das europäische Vorhaben künstlerisch im öffentlichen Raum nachhaltig sichtbar und unterstützt werden.

Die Untersuchung von H.G. Wunderlich von 1970 „Wohin der Stier Europa trug“, welche viele Griechenlandfahrer im Palast des Königs Minos in Knossos damals beschäftigte, muss neu überdacht werden: Hat Gott Zeus in Stiergestalt die Prinzessin Europa nicht nach Kreta sondern nach Breisach gebracht? Einzelne Köpfe über der Stierskulptur scheinen sich mit diesem Mythos und seinen Widersprüchen intensiv zu beschäftigen.

Das St.Stephans-Münster – ein Kleinod am Oberrhein

Kirchenfenster von 1967

Der Hochalter des Meisters H.L. (wohl Hans Loy) von 1523/1526

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„…Das im Zeitalter der Romanik begonnene St. Stephans-Münster mit dem steil aufragenden hochgotischen Chor (um 1300) und der spätgotischen Westhalle (1350-1480) beherbergt bedeutende Werke großer Künstler: Den aus Lindenholz geschnitzten Hochaltar des Meisters H.L. (wohl Hans Loy) von 1523/1526, den um 1490/1500 geschaffenen Lettner aus gelbem Sandstein, den silbergetriebenen Reliquienschrein der Stadtpatrone Gervasius und Protasius (1496) und schließlich die Wandmalereien von Martin Schongauer, dem zu europäischer Bedeutung gelangten Maler und Kupferstecher aus Colmar“…. (Siehe Quelle 11)
Der filigrane Hochalter füllt den Chor bis zur Höhe der Gewölbekappe, vor der die Spitze der krönenden Filiale sich nach vorne neigt. Unsere Stadtführerin erinnerte hier an die Anekdote des Holzschnitzers, der sich unsterblich in die Tochter des Bürgermeisters verliebt hatte. Das Happy End der Hochzeit wurde ermöglicht, als der kunstfertige Schnitzer- wie vom Bürgermeister verlangt – den Altar höher als das Kirchenschiff gestalten konnte. Anregen ließ sich der verliebte Schnitzer von einem Rosenstrauch in einer Mauernische, dessen oberster Zweig gebogen das Licht suchte. Was 1,36 m zusätzlich gebogene Schnitzkunst sozial bewirken konnte!

Die Fresken Martin Schongauers nehmen einen Teil der südlichen, westlichen und nördlichen Wände des Narthex (Vorhalle einer Basilika) ein. Sie lagen unter Putz verborgen und wurden erst ab 1932 wiederentdeckt. Die Besucher konnten sich ikonographisch mit dem Jüngsten Gericht, der lauteren Heiterkeit des Himmels, paradiesischer Freude und den Abgründen der Hölle anregen lassen. Die prächtigen Wandmalereien gewähren Einblicke in die Endlichkeit des Lebens, aus tiefer gotischer Religiosität geschaffen!

Die im Münster aufgestellten beiden Glocken wurden in der Zwischenzeit in den Südturm des Münsters gehievt. An Weihnachten wird nicht nur die kleine restaurierte „Friedensglocke“, sondern auch die neu gegossene „Heilig-Geist-Glocke“ zusammen mit den übrigen 6 Glocken erstmals feierlich in den Münstertürmen erklingen.

Radbrunnenallee und Radbrunnenturm

Vom Münsterplatz ist es über die Radbrunnenallee nicht weit bis zum Radbrunnenturm aus dem frühen 13. Jahrhundert. Durch den Fels des Münsterbergs bis unter die Höhe des Rheins (42 m tief) abgesenkt, versorgte er die Oberstadt auch bei Belagerungen mit Wasser. Heute wird der Radbrunnenturm für Konzerte und Ausstellungen genutzt.
An der Radbrunnenallee stehen einige sehenswerte Portale: Das des alten Rathauses „Zum Sternen“ (1536), der Herrenzunftstube „Zur Roten Kappe“ (16 Jhr.) und des ehemaligen Frauenklosters Notre Dame (1736).

Am Ende der Führung erklärt uns Frau Müller die Rückkehr der „Radbühne“ am Radbrunnenturm.

Die „Radbühne“

image016ist das Werk des Breisacher Künstlers Helmut Lutz; sie stand mehr als 20 Jahre in den Kasematten der Vauban-Festung Neuf – Brisach. Dieses Kunstwerk kann in Bewegung gesetzt werden: Die mythologischen Figuren der „Radbühne“ sind Adam, Prometheus und Pandora. In der Mitte der „Radbühne“ sitzt Sophia, die Göttin der Weisheit, dem Menschen gegenüber und spielt ihm den Erdball als Geschenk zu: Antike Mythen als großes Welttheater mitten in Breisach!

In dieser Führungsvariante ausgespart aber als wichtiger Teil der jüngeren Geschichte ist das Jüdische Gemeindehaus zu erwähnen; es ist heute Veranstaltungs- und Dokumentationszentrum zur jüdischen Geschichte Breisachs und der Region.

In der NS-Zeit erfuhr die über 700 Jahre alte jüdische Gemeinde Breisachs schwerste Verfolgung bis hin zur Vernichtung. 1938 wurde die Synagoge zerstört, 1940 die letzten hier verbliebenen jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürger in das Lager Gurs (Südfrankreich) deportiert. Nur wenige überlebten die Schrecken des Zwangsexils, der Deportation und der Vernichtungslager.

Abschied von Breisach

Die Besuchergruppe, die mit der S-Bahn zurück nach Freiburg fahren wollte, eilte zum Bahnhof zurück. Unsere Stadtführerin, der unser besonderer Dank für die kenntnisreiche und professionelle Führung gilt, verabschiedete sich von uns und erwähnte zum Abschluss, dass die Sektkellerei Geldermann sich im Basaltberg tief unter unseren Füßen befindet. Zwei Gerüstarbeiter, die gerade an einem renovierten Haus in der Nähe ein Gerüst abbauten, hörten dieser frohen Botschaft sehr betroffen zu: „Ja, wenn sie das früher gewusst hätten…“ Ja, dieser Münsterberg hat´s in sich!

Die Staudi – Pensionäre ließen den erlebnisreichen Nachmittag mit einem gemütlichen Beisammensein in Freiburg ausklingen. Rolf Wiehe und Werner Ebel seien für die Organisation dieses Nachmittags ganz herzlich gedankt.

Ob im Wirtshaus in den Gesprächen mehr die antiken Mythen oder die germanische Sagenwelt thematisch nachbereitet wurden, bleibt an dieser Stelle unbeantwortet. Der geneigte Leser reibt sich verwundert die Augen: Breisach am Oberrhein gilt auch als alte Harelungenstadt!

Quellenangaben:

  1. „Fahr mal hin: Am Kaiserstuhl zwischen Riegel und Breisach – Korken, Kunst und Kirchen“. Die Sendung vom 11. Dezember 2012 ist unter SWR Mediathek zu sehen.
  2. Holger Wendling, Breisach am Rhein – Siedlungen in Hochstetten und auf dem Münsterberg, Kreis Breisgau-Hochschwarzwald. In: Kelten am Hoch- und Oberrhein. Esslingen 2005, S.79 bis 82.
  3. Die Radbühne kehrt nach Breisach zurück (veröffentlicht am Fr, 02. November 2012 15:32 Uhr auf badische-zeitung.de)
  4. Jetzt sind alle Glocken im Turm (veröffentlicht am Fr, 14. Dezember 2012 13:19 Uhr auf badische-zeitung.de)
  5. Hans Georg Wunderlich, Wohin der Stier Europa trug. Kretas Geheimnis und das Erwachen des Abendlandes. Hamburg 1972.
  6. St. Stephansmünster Breisach. Regensburg 1998. (Ausführlicher Kunstführer.)
  7. Martin Schongauer. Text von Christian Heck, ehrenamtlicher Direktor des Museums Unterlinden / Colmar. Darin: Die Fresken der Breisacher Kirche, S. 62.
  8. Auf den Spuren der Geschichte. Lebendige Vergangenheit Breisach. Hrsg. Stadt Breisach am Rhein. (Zahlreiche Erläuterungen zur Stadtgeschichte.)
  9. www.breisach.de
  10. Breisach Rundgang
  11. Desire Lutz, Die Harelungen. Die Alemannische Heldensage vom Oberrhein in 7 Bildern. Breisach 1973.

Text und Fotos: Bert Färber