Bahnhöfe sind magische Orte

Seniorentreff-Jan-2013
Im Neuen Jahr, am 16. Januar 2013, trafen sich die ehemaligen Kolleginnen und Kollegen zum gemütlichen Plausch im Nebenzimmer einer Gaststätte im Wiehre-Bahnhof – und zwar im Neuen Wiehre-Bahnhof.

Kurios: Der Stadtteil Wiehre kann heute mit zwei Bahnhöfen aufwarten, da sich der Streckenabschnitt der Höllentalbahn zwischen dem Freiburger Hauptbahnhof und dem „Alten Wiehre – Bahnhof“ kurz nach der Eröffnung im Jahre 1887 als Fehlplanung herausstellte.

Plan Wiehre 1852 (Ausschnitt aus dem Lerchplan)


Zuerst hatten einige großbürgerliche Rentner aus Nordbaden und dem Ruhrgebiet ihren Einfluss geltend gemacht, um einen Bahnhof in ihrem Wohnquartier an der Höllentalbahn zu erhalten, der bequem zu erreichen war. Und was waren nun die betrüblichen Folgen?

Ein `Höllenlärm´ im noblen Viertel und das nicht weit vor Himmelreich! Die Dampflokomotiven mit ihrem Anhang der ersten, zweiten, dritten und vierten Klasse ratterten nicht mehr durch beschauliche Wiesen, Weiden und Gewerbebetriebe, sondern durch einen aufstrebenden Villenvorort.

Ob es damals Montagsdemonstrationen ehrbarer Bürger der Wiehre à la Stuttgart 21 gab, welche den Zugverkehr mitsamt dem Bahnhof am liebsten unter die Erde verbannt hätten, ist nicht sicher nachweisbar.
Zudem behinderten Bahnübergänge den Verkehr; eine neue Bahntrasse sollte die Wiehre südlich umfahren; Tunnels durch Lorettoberg und Sternwald wurden gebohrt, zehn schienengleiche Bahnübergänge beseitigt und ein neuer Bahnhof wurde projektiert: Erst 1934 konnte diese zweigleisige Bahnstrecke und der neue Bahnhof in Betrieb genommen werden.

Blick vom Lorettoberg um 1908

Blick vom Lorettoberg um 1908

Neuer Wiehre-Bahnhof: Ein Lokal zum Wohlfühlen?

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Das Nebenzimmer der Gaststätte füllte sich nach und nach mit einer veritablen Schar Ehemaliger. Tische wurden verrückt, Stühle zusammengeschoben, erste Bestellungen aufgegeben und elektronisch von Personal in stylischer Dienstkleidung registriert. Die Unterhaltung der Gäste wurde munterer, die Lautstärke schwoll an.
„Wo bleibt eigentlich der beinharte Fahrradfahrer aus Merzhausen?
Wie heißt noch mal die Kollegin, die an der Stirnseite sich mit dem vorletzten Schulleiter unterhält? Hatte sie nicht Bio und Chemie? Ewig nicht mehr gesehen…“

„In der Wiehre, in der Wiehre, gibt´s Backsteinkäs´ um Viere…“

Die badisch – bürgerliche Speisekarte verführte vermehrt zu SchniBräSa (Schnitzel, Brägele und Salat), vermutlich weil zu Hause dieses Gericht nur noch sehr selten auf den Tisch kommt. Den traditionellen Backsteinkäse sucht man vergebens auf der Karte. Seinen Namen trägt dieser Käse wegen seiner unverschnittenen rechteckigen Form eines Backsteins. Traditionell ist er früher in der Wiehre gegen vier Uhr als Brotzeit serviert worden.

Während der Einnahme des Abendmahls konnte man den Nachbarn bzw. die Nachbarin wieder einigermaßen verstehen. „Ja, ich wohne nicht mehr in Frankreich…“ Ob die Wohnortverlegung der Möglichkeit geschuldet ist, die Treffen der Pensionäre mit weniger Aufwand besuchen zu können?
„Unglaublich, ihr habt schon drei Enkel?“ „Der wöchentliche Enkel-Tag entwickelt sich zur Herausforderung für uns und unsere Wohnung!“
„Ja, ja die Zipperlein! Sie halten uns aber nicht vom Reisen ab.“ Was, ihr wollt nach Griechenland? Habt ihr eure alten Drachmen denn wieder gefunden?“
„Erklär mir doch bitte mal den genauen Unterschied zwischen der ehemaligen Gesamtschule und der Gemeinschaftsschule!“ „Gib´s da einen Unterschied?“
„Ich bin ja heilfroh, nach der Umstellung auf G8 nicht wieder nach G8 – Bildungsplänen in einer G9 – Modellschule unterrichten zu müssen!“
Die Treffen der Staudi-Senioren mit ihren informativen und anregenden Gesprächen sind für viele eine Art Hoffnungselixier, beim nächsten Zusammensein noch mehr zu erfahren – über die ehemaligen Kolleginnen und Kollegen – und sich selbst.
„When shall we Staudis meet again?”
(Abgewandeltes Zitat nach Shakespeare, Mcbeth; notwendiger Hinweis für Plagiatsjäger in Zeiten des Schavanismus!)
Kurze Unterbrechung der munteren Unterhaltung durch die Organisatoren der Ehemaligentreffen: „Das nächste Treffen in einer Gaststätte muss zuerst mit einer knackigen Wanderung im Hochschwarzwald verdient werden. Anschließend treffen wir uns in…“ Stimme aus dem Off: „Bitte nicht dieses Lokal im Stühlinger vorschlagen; da gibt es keinen guten Wein…“ Der Einwand löste bei einigen andächtigen Zuhörern Staunen und Verwunderung aus, da sowohl der eigene Weingenuss beim letzten Zusammensein in der erwähnten Gaststätte in Vergessenheit geraten war, als auch die Kollegin einem on-dit nach kaum Wein konsumieren soll.
Die Frage nach einem geeigneten Lokal für das nächste Ehemaligen – Treffen blieb offen. Die nächste Einladung wird diese Frage sicher ausreichend beantworten.

So konnten die Teilnehmer an dieser Staudi-Runde zufrieden den Heimweg antreten. Ein paar Auswärtige nutzten die bequeme Heimfahrt mit der Höllental-Bahn vor der Haustür.
Einzelne sollen nach dem Abschied ernsthaft darüber nachgedacht haben, ob sie nicht beim nächsten Treffen mit ihren Enkeln die Modelleisenbahn aktivieren sollten…

Quellen

Januar 2013, Text Bert Färber, Fotocollage Inge Schmidt-Ellmann